Artikelauszüge aus dem Januarheft 2006:
Bahamas

Karibischer geht's nicht !

... dachten wir nach dem Besuch von Inseln wie Abaco, Bimini, Elbow Cay und Harbour Island.

Bunte Wimpel flattern im Wind. Im Osten türmen sich dunkle Wolkenberge auf. Salzgeschmack liegt in der Luft. Es ist noch früh am Tag. Die ersten Hochsee-Angler verstauen schon Lunchpakete, Köder und riesige Angelruten auf den Decks ihrer Yachten. Motoren röhren in dieselndem Akkord. Bald verlässt eine kleine Flotte die Marina von Treasure Cay. Es herrscht Jagdfieber.

Die Fische in den tiefen Gewässern vor der Insel Abaco haben Hemingway-Format. Die Angler auch: Mit stolz geschwellter Brust und Champagner in der Hand lassen sie sich abends neben ihrer Beute fotografieren. Petri Heil!

Einen 30-minütigen Bootstrip von Abaco entfernt liegen die Cays, kleine, meist schmale, lang gestreckte Inseln, auf denen das Leben noch gemächlicher verläuft als auf Abaco. Auf Guana Cay, Green Turtle Cay oder Elbow Cay - überall fällt man mit dem Betreten der Inseln in den langsam schlendernden Gang der Insulaner. Jeder grüßt jeden, für einen Plausch ist immer genügend Zeit.

Wie im Farbrausch sind Häuser und Holzzäune bunt angestrichen, Sträucher beugen sich unter der Last ihrer fetten Blüten. Nicht einmal die Cocktails sind einfarbig und der Himmel ist knackig blau. Wer mal allein sein will, geht unter lichten Kiefernwäldern Richtung Strand. Dort hat man außer dem Weiß des Sands nur noch das Farbspiel des Wassers. Und diese ganze Mischung ist irgendwie ungemein entspannend.

Tummeln mit Tümmlern

Delfinhaut fühlt sich an wie nasser, fester Gummi, und wenn Abaco sich neben einem ganz ruhig im Wasser treiben lässt und mit einem Auge verschmitzt blinzelt, vergisst man jede Scheu vor dem erstaunlich großen Säugetier. Wasser spritzt auf und lässt die Neoprenträger triefend zurück. Ein weiterer Flossenschlag und Abaco kichert. Der große Tümmler scheint dabei einen Heidenspaß zu haben. Wahrscheinlich ist es der direkte Kontakt im Wasser, der Robert Meisters Firma Dolphin Encounters auf Blue Lagoon Island so einzigartig macht. Dort hat man die Möglichkeit, mit Delfinen zu schwimmen, sie zu streicheln oder sie einfach nur aus der Nähe zu betrachten. Robert ist übrigens der Sohn eines bayrischen Supermarkt-Tycoons, der in den 70er Jahren seine Supermarktkette kurzerhand verkaufte und auf die Bahamas übersiedelte.

"The nicest place on earth, come to Harbour Island", plärrt der Bootslautsprecher und einige Gäste singen lauthals mit. Vielleicht etwas übertrieben, aber die kleine Insel gilt unter Stars und Sternchen als Zufluchtsort, an dem man sich unbeschwert bewegen kann, ohne gleich um ein Autogramm gebeten zu werden. Nicht nur der kilometerlange pinkfarbene Sandstrand, auch die sehr geschmackvoll angelegten Hotels können einem, bei genügend Kleingeld, schon gefallen.

Egal ob man in der "Blue Bar" des "Pink Sands Hotel" wie Julia Roberts - die ja überall zu sein scheint, nur nicht zu Hause - einen Sundowner nimmt oder sich mit jemand anderem verplaudert, Zeit für den kleinen Laden von Linda Lewis sollte man sich auf jeden Fall nehmen. Linda liebt nicht nur ihre selbst entworfenen Kissen, sondern vor allem ihre Heimatinsel: "Ich bin hier geboren, bleibe hier und außerdem ist das der schönste Platz auf Erden!" Fragt man das Insel-Unikat, was ihr denn an Harbour Island am besten gefalle, antwortet Linda mit gelungenem Augenaufschlag und überzeugt: "Alles!"

Afrika in der Karibik

Mit sparsamen Flügelschlägen gleiten Hunderte von Flamingos über den See. Sie ziehen an der Sonne vorbei und verschwinden am Horizont. Seit zwei Stunden sind wir im Nature Reserve von Great Inagua unterwegs. 110 Quadratkilometer geschützte Natur: endlose Wasserflächen, lichtes, trockenes Buschland und menschenleere Küstenstreifen. Nicht zu vergessen 50.000 Flamingos. Seit das Reservat 1956 gegründet wurde, ist die Zahl dieser Vögel stark gestiegen. Früher haben die Insulaner sie gejagt, um etwas Abwechslung in ihren Speiseplan zu bringen.

Bahamesische Gegensätze wollten wir sehen, deshalb schickte uns Robert Meister von Harbour Island nach Inagua. Und so sitzen wir jetzt bei Henry Nixon im Pick-up und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Als Ranger des Reservats kennt er jede Sandbank, jeden abgestorbenen Baum. Schon als Kind begleitete Nixon seinen Vater, der ebenfalls Ranger war, nach der Schule. Strandläufer, Pelikane, Flamingos und Sandpiper sieht er schon lange, bevor wir überhaupt etwas ahnen.

Aus dem Autoradio klingen Gospels, als wir über schmale Dämme durch das Reservat schaukeln. Kahle Bäume, spiegelglatte Seen und in Mosaikform aufgerissene, vertrocknete Erde ziehen langsam vorbei. Nicht einmal im Traum würde man diese Landschaft mit den Bahamas verbinden. Manchmal erinnert sie mehr an verlassene Gegenden in Afrika als an eine Insel in der Karibik. Aber genau das macht ihren Reiz aus.

Hemingway und baumelnde BH's

Der weltbekannte Schriftsteller Ernest Hemingway war maßgeblich am Ruhm Biminis als Angel- und Urlaubsparadies beteiligt. Nicht weil er sich ständig ins Bein schoss, sondern weil er mehrere Jahre auf der Insel lebte und zusammen mit einigen Freunden das Hochsee-Angeln in seiner heutigen Form kreierte. Das Hotel, in dem er seinerzeit wohnte, war der "Compleat Angler", 1935 aus Rum- und Whiskyfässern zusammengeschustert. Eine Räucherhöhle für Fischer, Schmuggler und Schriftsteller. Hemingways Zimmer kann sofort bezogen werden. Die dunkle Holzvertäfelung glänzt speckig. Im spartanisch eingerichteten Zimmer schiebt ein altersschwacher Ventilator stilecht schwere Luft im Kreis. Durch die geöffneten Fenster hört man Kinderlachen und Motorenbrummen.

Jeden Mittwochabend verwandelt sich diese Kneipe in die erste Adresse Biminis. Typen mit Rastalocken halten die Gitarren tief, Flip-Flops tanzen mit Gummistiefeln. Dicke Havannas glimmen im Halbdunkel, hochprozentiger Rum schwappt in Plastikbechern. Frisch Verliebte ziehen sich in die angrenzenden Räume des Hemingway Museum zurück, auf die alten Ledersofas. Später sitzen wir auf Sarahlees Veranda und blinzeln aufs Meer. Eine weiße Segelyacht zieht langsam vorbei, ein Pelikan sitzt auf einem Holzpflock. Sarahlee gehört die "End of the World Bar" und fast jeder, der hier einen Abend feiert, zieht sich aus. Zumindest zum Teil. Wenn man Sarahlee glaubt. Wie viele Unterhosen und BH's hier baumeln, weiß niemand, aber die Bar könnte glatt als Wäschemuseum durchgehen. Von Familienzelten bis hin zu winzigen Stoffteilchen hat alles seinen Platz an den Wänden gefunden.

Begonnen hat der seltsame Spaß mit der Angewohnheit einiger Gäste, Visitenkarten an die Wand zu pinnen. Eines Abends hatte eine junge Dame gerade keine Karte parat und so entschied sie sich, ihren BH an den Nagel zu hängen. Das fanden viele wohl so gut, dass sie das nachahmten. Sarahlee lässt sich in dieser Hinsicht durch nichts aus der Fassung bringen. Fast nichts: "Neulich war eine Gruppe von Frauen und Männern da, die sich alle komplett ausgezogen haben. Da war ich doch etwas überrascht. Aber dann stellte sich heraus, dass das eine Nudistengruppe aus Chicago war. Na ja, war auch ein heißer Tag!" Island in the sun eben ...